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Ist Deutschland bereit für eine militärische Führung?

Als Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht bei der von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) organisierten Sicherheitstagung am Montag in Berlin auf das Podium trat, stand hinter ihr die Aufschrift „Bundeswehr: Das Fundament der Sicherheit“. . Mit diesem Slogan wurde das Thema kurz und prägnant zusammengefasst. Die Eröffnungsrede des Ministers trug den Titel „Die Auswirkungen des Zeitraffers auf die nationale Sicherheitsstrategie Deutschlands“.

Mit großem Interesse wurden die Rede des SPD-Politikers und die anschließende Diskussion erwartet. Die Zuschauer erhofften sich Informationen über die Haltung der Bundesregierung zu weiteren Waffenlieferungen in die Ukraine. Denn die jüngsten Erfolge der Ukraine an der Front haben die Diskussionen über die Verschiffung schwerer Waffen in dieses Land entfacht. Nicht nur die wichtigsten Oppositionsparteien der Christlichen Union (CDU/CSU) fordern, dass Deutschland der Ukraine mehr schweres Kriegsgerät liefert; ebenso wie die Forderung von den Koalitionspartnern Grünen und FDP kommt.

Keine einseitige Bewegung

Anträge auf Panzerlieferungen lehnte Verteidigungsminister Lambrecht ausdrücklich ab. Lambrecht erinnerte daran, dass bisher kein Land westlich hergestellte Schützenpanzer oder Kampfpanzer in die Ukraine verschifft habe. Der Minister erklärte, dass Deutschland seine offizielle Waffenlieferungslinie nicht nur in enger Abstimmung mit den NATO-Verbündeten kompromittieren werde.

Der Verteidigungsminister stellte auch offen fest, dass die Bundeswehr nicht über viel Material und militärische Ausrüstung verfügt: „Viele der im Inventar zu sehenden Ausrüstungsgegenstände sind nur auf dem Papier vorhanden, aber nicht einsatzbereit oder geeignet.“

Lambrecht verwies auch auf Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Aber Stoltenberg sagte erst am Freitag, dass die Hilfe für die Ukraine wertvoller sei als die Unterstützung der Waffenbestände in den Nato-Staaten. „Indem wir sicherstellen, dass Russland in der Ukraine nicht gewinnt, erhöhen wir auch unsere eigene Sicherheit und stärken das Bündnis“, sagte Stoltenberg auf einer Pressekonferenz mit US-Außenminister Antony Blinken.


Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht spricht zu den SoldatenFoto: Thilo Schmuelgen/REUTERS

Führungsanspruch

Lambrecht betonte das Argument Deutschlands, auch militärisch eine führende Rolle in Europa zu übernehmen: „Eine solche Rolle, auch gegen seinen Willen, wird Deutschland allein aufgrund seiner Größe automatisch zufallen. Deutschland nimmt diese führende Rolle jedoch nicht als Machtdemonstration oder Stärke: „Deutschland ist ein Land, das in Bündnisse eingebunden ist, über einen maßvollen Macht- und Militärblick sowie über stabile Institutionen und eine friedliche Kultur verfügt. Deshalb sollte sich niemand vor dieser Führungsrolle fürchten.“

Neben dieser argumentativen Absicht demonstrierte Lambrecht auch sein klares Bekenntnis, bei Bedarf mehr Lasten zu schultern und mehr in Sicherheit zu investieren.

Die US-Botschafterin in Berlin, Amy Gutmann, hatte am Vorabend von „Deutschlands Führungsrolle“ gesprochen. Doch der US-Diplomat führte dies in einem Interview mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen auf mehr deutsche Stützpunkte in Kiew zurück und sagte, Deutschland wolle dort eine größere Führungsrolle übernehmen. „Wir hoffen und erwarten, dass Deutschland das erfüllt“, sagte Gutmann, „wir müssen alles tun, was wir können.“

Den Führungsanspruch Deutschlands in Europa hat Ende Juni auch der Co-Vorsitzende der SPD, Lars Klingbeil, geäußert. Klingbeil ging noch weiter und stellte den direkten Kontakt zwischen Politik und militärischer Macht her: „Friedenspolitik bedeutet für mich, militärische Macht gleichzeitig als legales Instrument der Politik zu sehen.“ Diese Thesenaussprachen waren für viele Sozialdemokraten, die eigentlich eine traditionalistische Absichtsstruktur hatten, nicht ohne weiteres akzeptabel.

Die jetzt im Dezember gebildete Koalitionsregierung in Berlin aus SPD, Grünen und FDP steht im Koalitionsvertrag unter dem Titel „Mehr Fortschritt muss gewagt werden“. Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sollten die Konzepte sein, die die Regierung während ihrer Mission hervorheben würde. Aber alles änderte sich augenblicklich, als Russland die Ukraine angriff. Begriffe wie Aufrüstung, Rüstungsversorgung, Machtkrise und Inflation beherrschen mittlerweile die Schlagzeilen ebenso wie das politische Handeln und die Aussprache. Mit der Definition der „Zeitwende“, die Ministerpräsident Olaf Scholz am 27. Februar inspiriert vom Begriff „Sonnenwende“ prägte, begannen Verschiebungen und Dehnungen in den alten scharfen Einstellungen und sogar in als „heilig“ geltenden politischen Situationen.


Soldaten im Einsatz in der Tomburg-Kaserne Foto: Matthias Von-Hein/DW

Strenge Regeln für Waffenexporte

Christine Lambrecht ging in ihrer Rede auch ausführlich auf ein grundlegendes Problem der europäischen gemeinsamen Rüstungsentwicklung und -produktion ein: die deutschen Rüstungsexportregeln. Bisher hatte Deutschland ein Vetorecht bei der Ausfuhr gemeinsam hergestellter Waffen in Drittstaaten. Das sorgte in der Zusammenarbeit mit Partnern wie Frankreich, England oder Italien für Ärger. Der Verteidigungsminister erklärte, Deutschland könne die strengen Rüstungsexportregeln überprüfen und zeigte, dass ihm die Kritik in dieser Frage nicht völlig gleichgültig bleibe.

Infolgedessen bereitete Lambrecht die Öffentlichkeit auf die Notwendigkeit vor, die Rüstungsausgaben dauerhaft zu erhöhen. Der Minister sagte, die Ukraine existiere heute nur noch, weil sie sich selbst verteidigen könne, und betonte, dass sie ihren Anteil an dieser Geschichte haben sollten: „Deutschland braucht auch stärkere Streitkräfte, um sich zu verteidigen, wenn es nötig ist.“

Aufruf zum „Kulturwandel“

„Ein nachhaltiger Zeitkreislauf erfordert mehr Geld“, sagte Lambrecht. Der Minister betonte, dass in diesem Zusammenhang dringend ein Sonderfonds in Höhe von 100 Milliarden Euro geschaffen werden müsse, und betonte, dass nach Jahren der Sparpolitik die Kampfkraft und Einsatzfähigkeit der Bundeswehr reinvestiert werden solle. Lambrecht kündigte außerdem an, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsinvestitionen aufzuwenden. Dieses Ziel haben sich die NATO-Staaten bereits 2014 gesetzt.

Auch der Bundesverteidigungsminister räumte ein, dass all dies einer Revision, ja sogar einem Sinneswandel bedürfe. Lambrecht schlug vor, einen jährlichen „Safety Day“ zu veranstalten, um den „Kulturwandel“ voranzutreiben, den er für notwendig hielt: „Wir wollen uns aneignen, dass die Bundeswehr der grundlegende Garant unseres Überlebens ist.“ Diese Worte des Ministers deckten sich auch mit dem dahinter stehenden Slogan: „Bundeswehr: Das Fundament der Sicherheit“.

DW

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